OMTH

Gerechtigkeit

V E S P E R

am Freitag, 06. 05. 2016 in Cappel / Westf.

 

LESUNG

Das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger

(Mt 18,23-35)

 

23 Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen.

24 Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.

25 Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.

26 Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.

27 Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.

28 Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war.

29 Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahle, was du mir schuldig bist!

30 Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.

31 Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.

32 Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.

33 Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?

34 Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.

35 Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt.

 

HOMILIE

 

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

 

Non nobis, liebe Schwestern und Brüder,

wer von uns kennt das nicht? Der Vater kommt abends von der Arbeit heim, die Mutter ist vom Tage noch total gestresst. Das Kind freut sich unbändig, dass die Familie beisammen ist und will seine berechtigten Bedürfnisse, seine Wünsche und Hoffnungen einbringen. Da die Eltern nicht entsprechend reagieren, dreht das Kind auf, und je stärker es in die Schranken verwiesen wird, desto unnachgiebiger und unnachsichtiger fordert es seine Rechte ein. Da wird dem „ungezogenen“ Kind, wie die Eltern das wahrnehmen, eine angeblich „gerechte

Strafe“ aufgebrummt. Es wird für die nächste Stunde in sein Zimmer verbannt.

 

Gut, für das Kind ist die Strafe ungerecht, für die Eltern gerecht. Ist sie das wirklich? Lassen wir einmal alle Psychologie und Pädagogik beiseite. Die Eltern brauchen ihre Ruhe. Das können wir gut verstehen. Sie sehen also die Bestrafung als absolut gerecht an.

 

Diese wäre wohl auch dann noch korrekt, wenn sie eine volle Stunde betrüge, jedoch nicht länger. Das Kind empfindet in dieser Strafe ohnehin eher nur eine Variante von Ungerechtigkeit, die dazu führen würde, dass es bei häufigerer Anwendung auf die Dauer entweder eher angepasst oder gar noch aufsässiger würde.

 

Liebevolle Eltern würden die Strafe deshalb bald abkürzen, zum Beispiel auf dreißig oder 45 Minuten. Der Gerechtigkeit, die sie fordern, wäre damit durchaus Genüge getan, sie würde allerdings veredelt durch Barmherzigkeit.

 

Iustitia“ und „Misericordia“, „Gerechtigkeit“ und „Erbarmen“ gehören für mich absolut zusammen. Eine voll ausgekostete Strafe entartet nur zu leicht in Ungerechtigkeit. Die würde durch ein barmherziges Verhalten vermieden.

 

Papst Franziskus, der völlig andere Akzente im Führungsstil der katholischen Kirche setzt als seine Vorgänger, von dem Konzilspapst Johannes XXIII. einmal abgesehen, hat ein „Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen. Deshalb möchte ich die Wahl der Lesung sowie der Homilie damit begründen.

 

Der Papst ist ein kluger Jesuit, der weiß, dass Reformen von oben nur selten von Dauer sind. Er weiß ferner, dass etliche konservative Kardinäle seinen Rücktritt befördern würden, sobald er die bisherige Lehre der Kirche relativieren würde.

 

Der Papst entgeht diesem Dilemma ganz elegant und absolut jesuanisch.

 

Zur Erläuterung dessen möchte ich einen kleinen, besinnlichen Text einfügen, den ich bei der einen oder anderen Trauerfeier vorgetragen hatte. Für heute habe ich ihn nur leicht abgewandelt und angepasst:

 

„Gott ist Geheimnis. Niemand kennt es, niemand kann es kennen. Wäre es anders, hätte das Geheimnis aufgehört, Geheimnis zu sein. Darum hat Gott viele Namen. Jede Zeit und jedes Volk erfand ihm neue. Sie waren wie Gefäße aus erlesenem Stoff, dazu bestimmt, den kostbarsten aller Edelsteine zu bergen. Indessen, wem gelang es bisher, diesen Stein zu finden? Viele hunderttausend Jahre lang riefen die Menschen Gottes Namen in den Raum, der ihnen zwischen Geborenwerden und Sterben gehörte, aber fast immer kam als Echo nur das Schweigen zurück. Gott bleibt unbeweisbar, aber er wird immer wieder erfahrbar: für wenige Menschen in Visionen und Prophezeiungen, für viele in der Begegnung mit den Menschen und der Natur.

 

So sind für viele die Nächstenliebe und die Schöpfung die wahren Dome der Verehrung Gottes. Wir sollten als Christen für jede Spur Gottes in unserem Leben danken, aber wir sollten nie unsere jeweilige geringe Gotteserfahrung absolut setzen und dann als Waffe gegen andere Menschen missbrauchen. Unser Heiland, der heilende Jesus Christus, mahnt: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken!“ Deswegen argumentiere ich nicht „auf Linie“.

 

„Jesus“, hebräisch „Jeshua“, heißt auf deutsch: „Gott rettet“. Dieser Jesus ließ sich in keinerlei Lehrgebäude einspannen. Er pflegte einen heilenden Umgang mit den Menschen und erzählte in Geschichten und Bildern vom barmherzigen und liebenden Vater. Nicht eine unmenschliche Durchsetzung von Dogmen und Lehrsätzen, sondern eine liebevolle und barmherzige Sicht auf die je eigene Schicksalslage eines Menschen erhoffe ich in dieser Welt und Zeit - und gerade dadurch Heilung für die andere, ohne auch nur etwas von dem Schleier lüften zu können oder zu wollen, der über jener anderen liegen mag.“

 

Soweit diese kurze Besinnung. Auch Jesus nahm vom Gesetz, der Thora, kein Jota weg, doch interpretierte er sie durch sein barmherziges Handeln neu. Mit Zöllnern, Huren und anderen Sündern verkehrte er zwar ohne Scheu, jedoch ermunterte und bestärkte er sie zugleich auf einem Weg der Umkehr, nicht auf einem Weg des Ausschlusses aus der Gemeinschaft. Trotzdem gilt tatsächlich: „Was Recht ist, muss auch Recht bleiben!“ Wir aber sollten unser hoffentlich rechtes Handeln stets mit einer barmherzigen Gesinnung erwärmen.

 

Als gefährlich erweist sich, da wir fehlbare Menschen sind, ein Weg, der neben der Barmherzigkeit durch falsches Mitleid die Forderung einer gerechten Selbstverantwortung ausschließt. Solch ein Handeln würde sehr schnell zu einem falschen „Gutmenschentum“ führen, weil es die Beteiligten entmündigt. Verantwortung aber fordert auch Jesus immer wieder! Folgende Textstellen fand ich sehr schnell:

 

Mt 6,14-15:

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

Mt 7,1+2:

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden.

 

Mt 12,6-8:

Ich sage euch: Hier ist einer, der größer ist als der Tempel. Wenn ihr begriffen hättet, was das heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, dann hättet ihr nicht Unschuldige verurteilt; denn der Menschensohn ist Herr über den Sabbat.

 

Lk 6,36:

Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!

 

Lk 10,25-37:

Das Beispiel vom barmherzigen Samariter

 

Lk 15,11-32:

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (bzw. „vom barmherzigen Vater“, s. Plastik in Karlstadt)

 

Joh 3,10:

Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.

 

Wir dürfen nicht nur in diesen Tagen, sondern immer wieder erneut auf die Wurzeln unseres eigenen Handelns schauen, damit wir Gott leichter finden können: „Barmherzigkeit will ich, nicht Brandopfer“, spricht der Herr, denn Barmherzigkeit ist zugewandte Liebe, und „Liebe“ ist SEIN Name.

 

Amen.

 

FÜRBITTEN

 

Du guter und getreuer Vater, nur zu oft benehmen wir uns wie der unbarmherzige Diener in Jesu Gleichnis. Darum flehen wir zu Dir:

 

• Hilf uns, die Liebe, die Du uns täglich schenkst, an unsere Mitmenschen weiterzugeben.

Gib uns Deine Kraft dazu!

 

• Lass uns erkennen, dass unser Erbarmen nicht nur bei der Familie, bei unseren Lieben, unseren Freunden und Brüdern gefordert ist, sondern vor allem bei jenen Menschen, die am Rande stehen, denn auch sie sind Deine Kinder.

Gib uns Deine Kraft dazu!

 

• Lass auf unseren Gesichtern Deine Güte und Barmherzigkeit erstrahlen, und lass aus unserem Handeln Deine Gerechtigkeit leuchten.

Gib uns Deine Kraft dazu!

 

• Lass uns die Einsicht in die Tat umsetzen, dass wir andere nicht ändern können, sondern nur wir uns selbst.

Gib uns Deine Kraft dazu!

 

Ja, Abba, lieber Vater, gib uns Kraft zu gutem Tun. Lass uns einst mit Dir vereint sein, und lass jene, die uns auf Erden lieb und teuer waren und uns voraus gegangen sind, auf ewig leben in Deinem Reich der Liebe und des Friedens.

 

Amen.


Frá Johannes 06.05.2016
Edmund Grümmer © 2016

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